Hormonsubstitution schützt nicht vor Herzinfarkt

Die grossen Hoffnungen auf die postmenopausale Hormonsubstitution haben einen Dämpfer erhalten. In der Sekundärprophylaxe der koronaren Herzkrankheit (KHK) ist die Hormontherapie bis auf weiteres erheblich in Frage gestellt.

Anlass hierfür sind die Resultate der HERS-Studie (US Heart and Estrogen/Progestin Replacement Study), die vor wenigen Wochen im «Journal of the American Medical Association» (JAMA 1998; 280: 605-613) veröffentlicht wurden.

Es handelt sich dabei um die erste plazebokontrollierte, randomisierte Untersuchung zu dieser Fragestellung. An ihr nahmen rund 2700 an KHK leidende Frauen im Alter von durchschnittlich 67 Jahren teil.

Die Frauen in der Verumgruppe erhielten durchschnittlich vier Jahre lang täglich die Kombination aus 0,625 mg konjugierten Östrogenen plus 2,5 mg Medroxyprogesteronazetat. Trotz erwünschter Effekte auf den Lipidstoffwechsel liess sich die Rate der koronaren Ereignisse insgesamt nicht reduzieren.

Im ersten Studienjahr nahm die Zahl der Herzinfarkte und Todesfälle in der Interventionsgruppe sogar zu, während erst in den letzten beiden Jahren ein leichter Rückgang zu verzeichnen war. Unter der Hormoneinnahme kam es zudem häufiger zu Thromboembolien.

Die Autoren «empfehlen deshalb nicht, mit einer Hormonsubstitution aus Gründen der KHK-Sekundärprävention zu beginnen». Allerdings spräche die Studie nicht unbedingt dagegen, eine bereits länger bestehende Therapie fortzusetzen.

Die Resultate kommen offenbar für viele Experten unerwartet, nachdem verschiedene Beobachtungsstudien in den letzten Jahren ergeben hatten, dass das KHK-Risiko bei postmenopausalen Frauen unter Hormonsubstitution um bis zu 50 Prozent verringert ist.

«Wir hatten einen Nutzen erwartet, aber keine Risiken. Das ist die Überraschung», erklärte Co-Autorin Trudy Bush, University of Maryland, School of Medicine, Baltimore.

Die American Heart Association hat unterdessen in einer Presseerklärung darauf hingewiesen, dass sich die Ergebnisse keinesfalls auf Frauen ohne KHK übertragen liessen. Ausserdem sei die Beoachtungszeit immer noch relativ kurz, um definitive Aussagen zu treffen.

Das in Deutschland erscheinende «Arznei-Telegramm» urteilt derweil in seiner September-Ausgabe:«Frauen mit einer KHK ist von einer Hormonsubstitution abzuraten.» Aus der geringfügigen Abnahme der koronaren Ereignisse im vierten und fünften Jahr liessen sich keine Schlüsse ziehen, «da die Zahl der Anwenderinnen in dieser Zeit stark abgenommen hat, so dass die Vergleichbarkeit der Gruppen nicht mehr gewährleistet ist».

Ars Medici 18/98: 1110