Suizidalität unter Rimonabant (Acomplia)

ZULASSUNG IN DEN USA UNWAHRSCHEINLICH

Das Beratergremium der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA hat soeben mit 14 : 0 Stimmen gegen die Zulassung des Endocannabinoid-Rezeptorantagonisten Rimonabant (ACOMPLIA) zur Gewichtsabnahme gestimmt (1). Üblicherweise folgt die FDA dem Votum der Beratergremien. In Deutschland vertreibt die Firma Sanofi Rimonabant bereits seit September 2006. Die Indikation "Raucherentwöhnungsmittel" konnte der Hersteller weder in Europa noch in den USA für Rimonabant durchsetzen.

Im Vordergrund der Negativbewertung der FDA-Berater stehen Bedenken zu psychiatrischen und neurologischen Störwirkungen und vor allem Hinweise auf eine Zunahme der Suizidalität. Nach einer von der FDA veranlassten verblindeten Auswertung der Rohdaten von 13 abgeschlossenen Studien in verschiedenen Indikationen mit insgesamt knapp 15.000 Patienten ist die Suizidalität unter täglich 20 mg Rimonabant verglichen mit Plazebo signifikant erhöht (Odds ratio (OR) 2,0, 95% Konfidenzintervall (CI) 1,2-3,4). Im gesamten Studienprogramm gibt es zwei vollendete Suizide, beide unter Rimonabant. Auch das relative Risiko psychiatrischer Störwirkungen wie Angst oder Depression und neurologischer unerwünschter Wirkungen wie Schwindel oder Gedächtnisstörungen steigt insgesamt unter täglich 20 mg Rimonabant an (relatives Risiko (RR) 1,6, 95% CI 1,4-1,9; RR 1,5, 95% CI 1,3-1,7). Die neurologischen Störeffekte könnten zu den überproportional häufigen Verletzungen und Unfällen unter Rimonabant (6,9%) im Vergleich zu Plazebo (3,8%) beigetragen haben. Auch Krampfanfälle scheinen zuzunehmen. Statistisch lässt sich ein erhöhtes Risiko jedoch nicht sichern (in Studien zur Gewichtsabnahme OR 4,8; 95% CI 0,7-110) (2).

Dass psychiatrische Störwirkungen unter Rimonabant häufig sind, fiel bereits bei Markteinführung in Europa auf (a-t 2006; 37: 77-9). Sie betreffen nach neuen Daten der FDA 26% unter täglich 20 mg Rimonabant im Vergleich zu 14 % unter Plazebo (2).

Das Risiko der Suizidalität könnte noch unterschätzt sein (2): Etwa 50% der Studienteilnehmer scheiden vorzeitig aus, unter Rimonabant häufiger wegen Depression oder Angst. Eine systematische Nachbeobachtung der Studienabbrecher gibt es nicht, bei der langen Halbwertszeit von Rimonabant von durchschnittlich 16 Tagen sind jedoch neu auftretende Störwirkungen auch nach Absetzen nicht auszuschließen.

In Deutschland nahmen bis Ende November 2006 knapp 50.000 Menschen Rimonabant ein (2). Von 86 Berichten zu dem Mittel an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) betreffen 40 psychiatrische Effekte, 6 davon Suizidalität (3; a-t 2007; 38: 61, in Druck).

Die Störwirkungen erscheinen biologisch plausibel: Dem Endocannabinoidsystem wird eine modulierende Rolle bei Ängsten, Phobien oder Depressionen und eine neuroprotektive Funktion zugeschrieben, beispielsweise bei bestimmten Formen der Epilepsie (2).

Bereits bei der Zulassung in Europa wertete die Arzneimittelbehörde EMEA die langfristige toxikologische Unbedenklichkeit von Rimonabant als nicht gesichert. Warum Rimonabant dennoch zugelassen wurde, konnten wir bereits damals nicht nachvollziehen (a-t 2006; 37: 77-8). Angesichts der neuen Erkenntnisse zur Neurotoxizität und Suizidalität erachten wir die Marktrücknahme von Rimonabant für geboten.

1 SAUL, S.: The New York Times, 14. Juni 2007

2 FDA Briefing Document NDA 21-888 ZIMULTI (Rimonabant), 13. Juni 2007

www.fda.gov/ohrms/dockets/ac/07/briefing/2007-4306b1-fda-backgrounder.pdf

3 BfArM: Schreiben vom 29. Mai 2007

Redaktion arznei-telegramm