Der Alptraum des Thalidomids steigt wieder auf

Wie ein Fluch: Die Kinder haben die selben Missbildungen wie die Eltern!
Das Medikament wird in den USA bewilligt. Schädigungen des genetischen Erbgutes und eine lange Liste von Nebenwirkungen, nebst den teratogenen.

Wie der "British Sunday Mirror" berichtet, sind die Kinder von sechs Anfang der Sechzigerjahre wegen des Thalidomids mit Missbildungen geborenen Eltern mit verkrüppelten Armen und Beinen zur Welt gekommen. Zwei dieser Kinder haben die selben Missbildungen wie ihre Eltern. Nach eingehenden Untersuchungen hat sich herausgestellt, dass oben erwähnte Vorfälle sich nicht nur in Grossbritannien zugetragen haben, sondern dass eine zweite Generation von Thalidomid-Opfern auch in Deutschland, Japan und Bolivien entstanden ist; überall dort, wo einige Opfer des Medikaments Nachkommen gezeugt haben.

Diese nicht abzuleugnende Tatsache, dass Thalidomid nicht nur teratogen ist, (das heisst beim Ungeborenen Missbildungen hervorruft, wenn die schwangere Mutter das Medikament einnimmt), sondern dass es auch mutagen ist, also das genetische Erbgut verändert, indem es die Chromosomen modifiziert.

Dieser Umstand ist von den Gesundheitsbehörden nach den üblichen Tierversuchen bestritten worden. Im vergangenen Juli wurde gewiss, dass nach 10 Monaten intensiver Tierversuche die amerikanische FDA ("Food and Drug Administration") die Verschreibung von Thalidomid in den USA offiziell zur Behandlung einiger opportunistischer AIDS-Infektionen sowie als Antitumormittel zur Behandlung gewisser Krebsarten bewilligt hat.

Es ist das erstemal, dass Thalidomid in den USA offiziell zugelassen wird, weil in den Sechzigerjahren, dem Zeitpunkt der bekannten Tragödie (10?000 allein in Deutschland mit Missbildungen geborene Kinder, viele weitere in andern Ländern Europas), dank einer Frau, Frances Kelsey, die damals bei der FDA arbeitete, das gefährliche Medikament nicht bewilligt worden war.

Zwei Dutzend Thalidomid- Kinder, die in den USA zur Welt kamen, waren die Folge von Gratismustern, welche die Ärzte von der amerikanischen Filiale des Herstellers dieses Medikaments bekommen und ihren Patientinnen geschenkt hatten! Doch Thalidomid wird in den USA seit mehreren Jahren informell verwendet. Es wird von den Gesundheitsbehörden "geduldet", um die verschiedensten Krankheiten zu "heilen"; darunter einige isolierte Lepra-Fälle, Tuberkulose, Leukämie, Hauterkrankungen. aphthöse Geschwüre usw.

Dieses äusserst gefährliche Medikament, das im Zeitpunkt der Katastrophe ein Beruhigungsmittel war, aber auch gegen Erbrechen, Husten, Erkältungen, Migräne usw. eingesetzt wurde, wurde seit jeher für eine grosse Anzahl von Krankheiten und Beschwerden empfohlen, natürlich nur, um die Verkäufe anzukurbeln. Auf Verkäufe verzichten die Hersteller nicht einmal nach der Katastrophe von Anfang der Sechzigerjahre, nach der das Thalidomid vorübergehend aus dem Handel gezogen worden war.

Heute werden jene, die Thalidomid in Europa und in den USA einnehmen, über die teratogenen Eigenschaften des Medikaments informiert, und man passt auf, dass es nicht an fortpflanzungsfähige Frauen verschrieben wird. Doch es werden keine Informationen über die weitern Schäden des Thalidomids abgegeben, ausser den teratogenen und, wie oben gesehen, den mutagenen.

Schon vor der Katastrophe der Sechzigerjahre war bekannt, dass dieses Medikament das Nervensystem schädigt und verschiedenartige Nervenentzündungen hervorruft, auch Gehstörungen und verminderte Reflexfähigkeit der Extremitäten. Ausserdem verursacht es starke Muskelschmerzen, Krämpfe teilweise Lähmungen, unkontrollierte Ticks, Sprachschwierigkeiten, epileptische Anfälle usw. Dies betrifft nicht eventuelle Ungeborene, sondern die Patienten beiderlei Geschlechts, die Thalidomid einnehmen.

Die oben beschriebenen unerwünschten Auswirkungen sind kürzlich auch von der wissenschaftlichen Veröffentlichung in "The Medical Letter" (N. 968,1.4.1996) bestätigt worden, die über irreversible peripherische Nervenleiden, Ödeme, Hypothyroidismus, Hautausschläge, Verstopfung, Austrocknen der Mundhöhle und der Haut und weitere Hypersensibilitäts-Symptome berichtet, welche die Konsumenten dieses Medikaments befallen können. Selbstverständlich nebst der Teratogenität, die "auch in kleinen Dosierungen auftritt", wie "Clinical Perinatol" 13:555, 1986) berichtet.

Dieses Medikament der Grünenthal (D) wird in den USA von zwei Konzessionären hergestellt, der Celgene und der Andrulis; doch seit den Neunzigerjahren lieferte die FDA es an die Ärzte, die es verschrieben, obwohl sie es noch nicht bewilligt hatte! Eine sehr elegante Art und Weise, ein gefährliches Produkt zu verbreiten und keinerlei Verantwortung einzugehen.

Genau das passiert auch in der Schweiz: Wie aus einer von uns in den Jahren 1993 und 1994 durchgeführten Untersuchung hervorgeht, ist Thalidomid in mindestens acht Kantonen an gewisse Patienten verschrieben worden, obwohl das Medikament von der IKS (Interkantonale Kontrollstelle für Heilmittel) nicht zugelassen wurde. Jeder Einsatz von Thalidomid muss vom Kantonsapotheker bewilligt werden, und die Behandlung muss bei Frauen im gebärfähigen Alter von der Einnahme von Verhütungspillen begleitet sein (Brief der IKS, 12.8.1993).

Die Einzelheiten über unsere Untersuchung, die Namen der acht Kantone und die Antworten der Kantonsapotheker sind in der Ausgabe von September 1994, N. 60, unserer Zeitschrift veröffentlicht worden.

Man kann sich Thalidomid auch in Frankreich, Grossbritannien und in andern europäischen Ländern "unter strengster Kontrolle" verschaffen. Unter weniger strengen oder fehlenden Kontrollen auch in andern Ländern, wie zum Beispiel Brasilien, wo sich Anfang der Neunzigerjahre die Katastrophe, die Europa vor mehr als 35 Jahren erschüttert hatte, wiederholte.

Zwischen 1990 und 1993 sind über 500 mit Missbildungen geborene Kinder registriert worden, sie zeigten die typischen Phokomelien des Thalidomids (fehlende Extremitäten, an der Schulter angewachsene Hände und manchmal auch am Rumpf angewachsene Füsse), ohne die vielen tausend Fälle mitzuzählen, die gewollt oder ungewollt nicht angegeben wurden.

Thalidomid ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Geschäfte in der Pharmaindustrie wichtiger sind als das Wohlergehen der Kranken.

Diese Geschichte gleicht den vielen andern Geschichten über Medikamente; sie sollte zum Nachdenken anregen, auch was die unübersehbare Anzahl von Tieren, anbetrifft, die vor, während und nach den Katastrophen geopfert worden sind im Versuch, Alibis herauszufinden, welche den Weiterverkauf des Medikaments rechtfertigen.

ORIZZONTI Nr.77, 12.1998