Wenn Forscher zu Fälschern werden - Betrugsskandal bei Novartis ist kein Einzelfall

Gefälschte Laborergebnisse haben beim Pharma-Multi Novartis ein Beben ausgelöst - es drohen Millionenverluste. Doch manipuliert wird auch anderswo: Wer keine Erfolge präsentieren kann, kommt schnell unter Druck.

Tatort war ein Labor, in dem Nacktmäusen «krebshemmende» Substanzen verabreicht wurden. Die Ergebnisse sollten in die Entwicklung eines neuen, viel versprechenden Medikaments fliessen. Doch was der Laborchef als Erfolg verkauft hatte, entpuppte sich für dessen Dienstherrn Novartis als Fälschungsskandal ersten Grades: Die Testresultate waren erfunden.

Auch in Deutschland wird gefälscht. Am renommierten Max-Planck-Institut Köln hatte eine Wissenschaftlerin «nachgewiesen», dass ein bestimmtes Enzym bei Hormonen als Signal wirkt. Die «wissenschaftliche Sensation» erwies sich als raffinierte Manipulation.

Und am Max-Delbrück-Centrum Berlin präsentierte ein Forscherpaar jahrelang Labor-Krebstests, die in zahlreichen internationalen Fachzeitschriften für Aufsehen sorgten - und wohl weiterhin sorgen werden:

Eine eigens eingerichtete «Task Force» ist noch immer dabei, den Scherbenhaufen aufzuräumen - 550 Veröffentlichungen muss sie minutiös nach Manipulationen durchforschen. Das dauert: Viele Laborbücher, in denen die Tests dokumentiert sein sollten, existieren nicht, beklagt Task Force-Leiter Ulf Rapp, Professor am Institut für medizinische Strahlenkunde und Zellforschung der Universität Würzburg.

«Seien Sie ruhig, das machen doch alle»

Krebsforscher Friedhelm Herrmann, eine der Schlüsselfiguren im Berliner Fälscherskandal, beschied laut «Spiegel» einer verunsicherten Doktorandin, die ihn wegen einer gefälschten Abbildung zur Rede stellte: «Jetzt seien Sie mal ruhig, das machen doch alle.»

Es scheint, als wolle die Forschergemeinde die Angelegenheit am liebsten unter sich regeln - und zwar dort, wo die Öffentlichkeit zu selten Zutritt hat, wie die Fälschungsskandale beweisen: im wissenschaftlichen Elfenbeinturm. Das kommt der Suche nach Wahrheit, von der Wissenschaft selbst als hehres Ziel immer wieder propagiert, nicht entgegen. Nicht nur das: Den Firmen und Instituten entstehen Schäden in Millionenhöhe, das Vertrauen in die viel beschworene Objektivität ist ramponiert.

Es steht noch mehr auf dem Spiel: im schlimmsten Fall das Leben von Patienten. - In einer internen «Verfahrensordnung bei Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten» der Max-Planck-Gesellschaft finden sich unter möglichen Straftatbeständen auch Hinweise auf «Fahrlässige Tötung» und «Vorsätzliche oder fahrlässige Körperverletzung». Damit sind die Dimensionen klar.

Nur Panikmache? Ein Münchner Arzt, der bei den Ermittlungen gegen die Berliner Fälscher vernommen wurde, erklärte: Unter den fraglichen Veröffentlichungen könnten einzelne durchaus Konsequenzen für Patienten haben.

Die Skandale beweisen geradezu exemplarisch das Dilemma eines Forschungsbetriebs, in dem häufig die gleichen Gesetze herrschen wie in der übrigen Wirtschaft: Es geht um Macht, Geltung, Geld.


Wie im Forschungsbetrieb getrickst wird

    • Resultate werden unter den Tisch gekehrt, weil sie nicht in das Konzept des Sponsors passen. «Ich kriege immer den richtigen Wissenschaftler mit den ?richtigen? Ergebnissen, wenn ich dafür bezahle» - mit diesem Satz zitieren die Fachjournalisten Antje Bultmann und Friedemann Schmithals in ihrem Buch «Käufliche Wissenschaft» einen Auftraggeber. Wer zahlt, bestimmt.
    • Forschungsergebnisse werden zurückgehalten aus Angst, die Konkurrenz könnte davon profitieren. Da kann es schon einmal vorkommen, dass mehrere Forscherteams am selben Problem arbeiten und für die gleichen Projekte die ohnehin knappen Forschungsgelder gleich mehrfach fliessen.
    • Wer mit Erfolgen aufwarten kann, steigt auf der Karriereleiter schneller nach oben. Grundsätzlich gilt: Projekte (und damit Geld) werden leichter bewilligt, wenn die Labors «greifbare» Resultate vorweisen können.
    • Publikationen in angesehenen, internationalen Fachzeitschriften polieren das Image auf. Wer in den einschlägigen Titeln regelmässig als Autor erscheint, geniesst in der Fachwelt Ruhm und Ansehen. Und wer «Erfolge» dokumentiert, kann wiederum mit weiteren Forschungsgeldern rechnen.

Wo hinter verschlossenen Labortüren mit Millionenbudgets geforscht wird, gedeihen Versuchungen - und die Gefahr, dass von oben Druck kommt oder Sponsoren den Ton angeben. Solche Bedingungen bilden einen idealen Nährboden für Manipulationen.

Christopher Anderegg, Humanmediziner, Biologe und früher selbst als Wissenschaftler im Tierversuchslabor eines Pharmakonzerns tätig, kennt den Druck: «Forscher müssen publizieren - egal wo. ?Publish or perish?, publiziere oder gehe unter.» Mit dieser Maxime sehen sich Wissenschaftler früh in ihrer Laufbahn konfrontiert. Und: «Angebliche Erfolge werden mit Trompeten verkündet, schlechte Ergebnisse verschwiegen.»

Anderegg hat sich ganz aus dem Forschungsbetrieb zurückgezogen und steht heute der Schweizer Aktion für Mensch und Tier vor; einer Vereinigung, die sich gegen Tierversuche in der Humanmedizin wendet.

Eine Studie aus den USA erhärtet die Erfahrung vieler Forscher: Fast jeder Fünfte hat selbst erlebt, dass unerwünschte Resultate zurückgehalten wurden oder ganz unter den Tisch fielen. Und bei Medikamententests gilt: Fallen sie positiv aus, sind die Wissenschaftler auffällig oft mit der Pharmaindustrie verbandelt; bei negativen viel seltener.

Ehrenkodex für wissenschaftliches Verhalten

Bei all dem «Dickicht» (so der Leiter einer Untersuchungskommission) drängt sich die Frage auf, wie Manipulationen künftig vermieden werden können. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, bei vielen Projekten als Geldgeber gefragt, hat mit einem «Ehrenkodex für gutes wissenschaftliches Verhalten» reagiert.

Kern der Empfehlungen: In den Arbeitsgruppen muss klar geregelt sein, wer als Leiter die Verantwortung trägt; alle Schlüsseldaten sind zu dokumentieren; bei Veröffentlichungen muss deutlich sein, wer als Autor verantwortlich zeichnet; in Krisensituationen stehen unabhängige Vertrauensleute als Ansprechpartner bereit.

Die renommierte «Cochrane Collaboration», ein Netzwerk hochrangiger, internationaler Experten, hat ein Verfahren entwickelt, das helfen könnte, «Dichtung von Wahrheit» zu unterscheiden: Die Wissenschaftler durchforsten relevante Studien und leiten sie an ein zentrales Register weiter. Dort werden sie unter die Lupe genommen: Unter welchen Bedingungen (Doppelblindverfahren, Kontrollgruppen, zufällige Auswahl der Probanden etc.) wurde die Studie erstellt? Wie kommen die Ergebnisse zu Stande? Sind die Originaldaten verfügbar? So wollen die Prüfer schlecht angelegte Studien und gezielte Manipulationen weitgehend ausschliessen.

Auch für Fachzeitschriften wie The Lancet oder British Medical Journal ist die einzig wirksame Waffe gegen Fälschungen: Wissenschaftler müssten ihre Arbeiten regelmässig untereinander austauschen.

Allerdings gibt es auch hier Grenzen. Jürg P. Bleuer vom Dokumentationsdienst der Akademie der Medizinischen Wissenschaften und Mitglied der Cochrane-Arbeitsgruppe Schweiz: «Das ist wie beim Geldfälschen - plumpe Manipulationen spüren Sie leichter auf als perfekt gemachte Scheine.» Schutz vor Fälschung könne nur ein weltweites Register bieten, das die Rohdaten für Nachberechnungen verfügbar macht. Doch der Konkurrenzkampf unter den Forschern, so die «Cochrane Collaboration», wird das in naher Zukunft , wohl verhindern.

Aber wie viel Kontrolle verträgt Forschung? Grundsätzlich, so eine Stellungnahme von Novartis zum Basler Fälschungsskandal, müsse sie bereits innerhalb des Teams ansetzen - das habe ja bei den aufgeflogenen Manipulationen auch funktioniert:

Den Kollegen seien die Ergebnisse als «zu positiv» aufgestossen. Gleichzeitig wurde vor zu viel Reglement gewarnt: «Allzu strikte Kontrollen beeinträchtigen die Kreativität. »

Das aber ist letztlich nur ein Appell an Ethik und Moral der Forschenden. Denn solange die Effizienz des Wissenschaftsbetriebs vor allem daran gemessen wird, was in bare Münze umgesetzt werden kann, dürften sich die Kräfte zur «Selbstreinigung in Grenzen halten. »

PULStip September 1998